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Jerusalem - The East Side Story

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Ein Film von Mohammed Alatar, Palästina 2008
57 Min., Dokumentarfilm

Der Nahost-Konflikt beherrscht mit seinen vielen Gesichtern seit Jahrzehnten die weltpolitische Tagesordnung. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist darin eingelagert – teils als Veranlasser und Triebkraft, teils als dauerhafter Unruheherd. Jerusalem ist dabei der Schlüssel und das Herz im Ringen um Landbesitz, Bevölkerungsmehrheit und staatliche Hoheit im Heiligen Land.
Der palästinensische Filmeregisseur Mohammed Alatar beleuchtet die geschichtliche Entwicklung des Streites insbesondere um Ost-Jerusalem, beschreibt die Leidens-geschichte der in Jerusalem lebenden Palästinenser, untersucht und kommentiert die aktuelle Lage im Jahr 2008 aus der Perspektive seines Volkes. Der Dokumentarfilm gibt die hebräischen, arabischen und englischen Äußerungen der Menschen durch deutsche Untertitel wieder.


Inhalt
Alltagsszenen aus Jerusalem mit morgendlichen Wetter- und Verkehrsnachrichten, Luft- und Straßenbildern, Marktszenen und öffentlichen Gebetsriten eröffnen das Panorama und zeigen das normale Leben. Ein geschichtlicher Rückblick auf die Zeit des englischen Mandats von 1920/23 bis 1947/48 mit historischem Schwarz-Weiß-Filmmaterial schließt sich an. Breit wird die UN-Resolution vom November 1947 zur Teilung Palästinas gezeigt: 56 Prozent des Landes wurden dem jüdischen Teil zugesprochen, der Rest dem arabischen. Dabei machte die jüdische Bevölkerung, meist Einwanderer aus Europa, damals nur ein Drittel aus, und ihr gehörten nur sechs Prozent des Bodens. Jerusalem und Bethlehem wurden der UN-Verwaltung unterstellt.
Am 14. Mai 1948 wurde der Staat Israel gegründet. Diese Entwicklung löste bei den Palästinensern und den arabischen Nachbarn einen Schock und das Gefühl aus, verraten worden zu sein. Krieg war die Folge. Dieser israelische „Unabhängigkeitskrieg“ endete mit einem Sieg Israels, dem nunmehr 78 Prozent des Landes zufielen. Beim Waffenstillstand von 1949 mit Jordanien, Ägypten und dem Libanon wurden mit General Dajans grünem Stift die Grenzen gezogen und gingen hinfort als Green Line in die Geschichte ein. Die Westbank und Ostjerusalem samt Altstadt wurden vom jordanischen König annektiert; Jerusalem wurde geteilt.
Dies alles führte zu einem Flüchtlingsdrama großen Ausmaßes: Etwa 2.000 Juden mussten die Altstadt verlassen, etwa 750.000 Palästinenser wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land. „Ein langes Kapitel der jüdischen Geschichte wurde abgeschlossen, ein langes Kapitel in Palästinas Geschichte begann.“ 19 Jahre später, nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 gab es erneut eine innerstädtische Flüchtlingsbewegung: die Rückkehr der Juden in die Altstadt und die Umsiedlung von Palästinensern aus und nach Ostjerusalem.
Nahla Assali, eine inzwischen alte Dame, steht 2007 vor ihrem, nun von Israelis bewohnten Haus, das ihre Familie vor vierzig Jahren verlassen musste. Alles noch so wie damals: das Tor, die Bäume im Garten, das Vogelgezwitscher. Nur die Musik, die aus dem Hause schallt, und die Bewohner und Passanten machen sie zur Fremden. Aber: “Eines Tages“, sagt sie gefasst und bewegend, „werden wir die Realitäten anerkennen müssen…“ - Welche Realitäten? „Wir leben in unserer Phantasie; ich verdiene es, zurückzukehren und in unserem Hause zu leben.“
Der Film zeigt mehrere solcher Szenarien der Vertreibung zwischen Ost und West in dieser Stadt: den Abriss illegal gebauter Häuser, Familientrennung, Konfiszierung von bebaubarem Land, die Mauer – alles gewaltsame Maßnahmen einer Politik der demographischen Steuerung mit einschneidend schmerzhaften Folgen. Dazwischen die Schwarz-Weiß-Dokumentation der geschichtlichen Ereignisse und Statements israelischer und palästinensischer Amtsträger.
Groß-Jerusalem: Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 wurden die Altstadt und Ostjerusalem annektiert und die israelische Rechtshoheit auf das ganze ehemalige Mandatsgebiet ausgedehnt. Der Film zeigt auch die Erweiterung der Stadtgrenzen von 6 auf 78 qkm; darin wurden die Gemarkungen von 28 palästinensischen Dörfern ein-bezogen. Jerusalem wurde zur ewigen Hauptstadt Israels erklärt und in der Altstadt das Mughrabi-Viertel eingerissen, um Platz vor der Klagemauer zu schaffen.
Der frühere Vizebürgermeister Meron Benvenisti gibt zu verstehen, das damalige Vorgehen gebe Anlass zu einer Entschuldigung. Und Dr. Meir Margalit vom israelischen Komitee gegen Hauszerstörung gibt zu: Vor allem die Annexion von Land sei das Ziel gewesen – „Viel Land, wenig Einwohner“. Diese Diagnose wird von Jessica Montell vom israelischen „Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten“ ergänzt: das Ziel war es, eine jüdische Mehrheit zu sichern.
Eine Schwarz-Weiß-Passage zeigt die Vorgänge: Man bot den in Jerusalem lebenden Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft an, angesichts der Auflagen freilich ohne viel Erfolg. „Die Israelis sahen uns als Touristen; sie tolerierten unsere Existenz, legalisierten sie aber nicht“ – so Dr. Nazmi Ju’beh, ein früherer palästinensischer Friedensunterhändler.
Um den Landraub durch Konfiszierung durchzusetzen, wurden Bulldozer eingesetzt, Häuser abgebrochen und neue Siedlungen errichtet. 1969 zogen israelische Familien in die neu erbauten Viertel ein – der Kampf um eine Bevölkerungsbalance nahm seinen Lauf. Palästinenser brauchten lange Zeit, bis zu zehn Jahren, um eine Baugenehmigung zu erlangen; die Kosten dafür waren oft höher als die Baukosten. Schwarzbauten liefen Gefahr, abgerissen zu werden. Ein ergreifendes Beispiel: Das Mädchen Ahlan Sa’ou kommt von der Schule nach Hause und erlebt nichts ahnend den Bulldozer beim Abriss – die Eltern verzweifelt vor den Trümmern, sie selbst klaubt noch Schulsachen heraus. Die Menschen stehen fassungslos vor der Zerstörung ihrer Existenz: „Hauszerstörungen sind Todesstrafen.“ Dennoch besteht die Mutter mit leisem Trotz darauf: „Wir werden bleiben und hoffen auf Gott, wieder bauen zu können. Wir leben und sterben in unserem Land.“

Mohammed Abbas, der Präsident der Autonomiebehörde, meint lapidar: Die Zerstörung von Häusern habe eine ethnische Säuberung zum Ziel, „aber die Menschen werden mit ihrem Atem, ihrem Blut und ihren Knochen bleiben“. Seit 1967 sollen in den besetzten Gebieten etwa 18.000 Häuser zerstört worden sein, 2.000 in Ostjerusalem. Etwa 40 Prozent der Häuser in der Oststadt werden vom israelischen Innenministerium als illegal betrachtet – so eine Äußerung aus dem israelischen Komitee gegen Hauszerstörung.
Eine besonders bedrückende Note erhält diese Bevölkerungspolitik durch Maßnahmen der „Familienzusammenführung“. Michel und Carmen sind seit zehn Jahren eine Familie und haben sechs Kinder. Die Mutter lebt und arbeitet in Jerusalem mit den Kindern, der Vater in Bethlehem; ein wiederholter Antrag auf Familienzusammenführung wird seit Jahren weder abgelehnt noch anerkannt. Pendeln, aber ohne die Kinder, die keinen Pass erhalten, ist das Schicksal der Mutter; die Kinder dürfen die Stadt nicht verlassen, der Vater sie nicht betreten.
Dass die Bilder von der wöchentlichen Zwangsodyssee durch die Kontrollschleusen keinen Einzelfall zeigen, wird an mehreren, völlig unterschiedlichen Geschichten deutlich. „Das ist nicht akzeptabel – so der lutherische Bischof Mounid Younan -, das verstößt gegen das Menschenrecht zu heiraten, wen ein Mensch für geeignet hält.“ Michels Sohn, der an einer lebensgefährlichen Krankheit leidet und eine Operation benötigt, wird eine ärztliche Behandlung in den USA verwehrt; er hat zwar ein Visum, erhält aber keinen Personalausweis. Aus dem gleichen Grund kann er seinen Vater nicht besuchen, denn er dürfte dann nicht mehr zurück nach Jerusalem.
Auf dem Kreuzweg in der Altstadt sieht man viele Oster-Touristen aus aller Welt wallfahrten. Christen aus Palästina werden aber immer weniger. 1948 rechnete man etwa 20 Prozent zu den Christen, heute sind es etwa noch 2 Prozent. Bischof Younan: Die instabile politische Lage, die Okkupation und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten treiben viele Palästinenser zur Auswanderung. Eine Lehrerbefragung in einer christlichen Schule in Ramallah illustriert die Lage: 80 Prozent der unter Zwölfjährigen waren noch nie in Jerusalem – der knapp zwanzig Kilometer entfernten Heiligen Stadt.
Das Problem der Abriegelung der Stadt hat viele verzerrte Gesichter. Gezeigt wird die Geschichte von H., der ein Haus im Vorort Al J’ib geerbt hat. Die Stadtverwaltung hat dieses Haus umzäunt und H. das Betreten seiner umliegenden Felder verboten. Um zum Haus zu gelangen, muss er eine Kontrollschleuse passieren: „eingeschränkt, bedrängt und abgeschnitten“ von sozialen Kontakten, lebt er hier – einem Anbau für die Familie droht der Abriss, der aber kann in 24 Stunden oder in 24 Jahren kommen.
Der Kommentar: Ab 1993, ausgerechnet dem Jahr des Oslo-Abkommens mit Palästina, habe Israel eine Politik der Abriegelung betrieben: Drei Millionen Palästinenser würden seither dabei behindert, Jerusalem zu betreten. Ein verheerendes Beispiel: Kinder aus der Westbank, die zu einer Dialyse-Behandlung ins Auguste-Viktoria-Krankenhaus müssen, können nach langen Verhandlungen dreimal in der Woche mit einem Sonderbus ins Hospital kommen – aber allein, ohne elterliche Begleitung.
Eine quälende Sequenz des Films zeigt muslimische Menschen aus der Westbank, die am letzten Freitag im Ramadan 2006 am Freitagsgebet vor dem Felsendom teilnehmen wollen: die mehrfachen Schikanen an den Kontrollpunkten haben zur Folge, dass viele abgewiesen werden oder zu spät kommen. 12 Checkpoints schneiden heute Jerusalem von der Westbank ab. Die Mauer tut das Ihrige. Jerusalem ist – so der Kommentar – die Frontlinie und das Herzstück des Konflikts. Und das Herzstück Jerusalems ist die Altstadt, „der am meisten umkämpfte Quadratkilometer der Geschichte“: 65 Kirchen, 25 Moscheen, 19 Synagogen und der Kern des Streits, der Tempelberg – heilig für Juden und Muslime. Großartige Blicke über die Stadt zeigen, worum es geht: die heiligen Stätten von drei verschwisterten Weltreligionen und die geistige und kulturelle Heimstätte von Juden, Christen und Muslimen.
Siedlervertretungen bedrängen mit starker finanzieller und politischer Unterstützung die Bewohner der Altstadt. Jahr für Jahr machen Siedler einen Festmarsch durch die abgesperrten Straßen dieses Zentrums, um ihre Präsenz und ihren Einfluss zu demonstrieren. Ihr Motto: die Vereinigung Jerusalems – von den Palästinensern als Emblem für die Teilung der Stadt gelesen. Dr. Klein, ein ehemaliger Berater des israelischen Ministerpräsidenten Jehud Barak, bestätigt das. Zwischen den Kommunitäten der Israelis und der Palästinenser bestehen gläserne Wände, die sie gegeneinander abschotten und eine geteilte Welt errichten: im Wohnen, in der Bildung und Sprache, beim Transport und Geschäft, in allem.
Viele namhafte Gesprächspartner stimmen überein: Es herrschte von Anfang an ein demographischer Kampf, der Leid und Verzweiflung hervor gebracht hat, bei vielen Israelis auch das Gefühl einer tiefen Verunsicherung. Denn nach vier Jahrzehnten scheint Israel dabei zu sein, ihn zu verlieren, besonders dort, wo die jüdische und israelische Präsenz am meisten bedeutet: in der Altstadt. Dort leben etwa 35.000 Einwohner, 90 Prozent davon sind, so heißt es, Palästinenser, und sie werden, wenn möglich, diesen Ort nicht verlassen. Bei den jüdischen Einwohnern scheint die Zahl derer, die fortgehen, größer zu sein als die Zahl der neu hinzu Kommenden. Für säkulare Juden ist Jerusalem „eine angespannte, intolerante, arme, überreligiöse und geteilte Stadt“. Viele sprechen heute im Blick auf das Wachstum der palästinensischen Bevölkerung von einer „biologischen Bombe“.
Als die letzte Manifestation der demographischen Teilung wird die neun Meter hohe Mauer gezeigt: sie sei als Sicherheitswall errichtet worden, wird offiziell behauptet. Der Film und David Shearer, ein UN-Mitarbeiter, der uns am verschlungenen Mauerrand entlang führt, ist anderer Meinung: sie ist auch ein Mittel der Bevölkerungspolitik. Jüdische Viertel werden gegen palästinensische abgeschlossen. Was die Schutzwirkung anbelangt, so muss man registrieren, dass in den letzten Jahren in Jerusalem 38 Selbstmordattentate verübt worden sind, denen 171 Menschen zum Opfer fielen.
Das Ergebnis der Teilungspolitik: Jerusalem ist nicht mehr auf dem Verhandlungstisch. Mit den Worten des alten Stellvertreters des legendären Bürgermeisters Teddy Kollek, Meron Benvenisti: „Die Mauer ist ein Weg, den Palästinensern den Rücken zuzukehren, den Konflikt zu einem Grenzkonflikt umzuwandeln. Das ist ein revolutionärer Wandel im Blick der Israelis auf die Palästinenser.“
Die UN-Resolutionen gegen diese Entwicklung haben am Fortgang der Dinge nichts geändert, auch die deutliche Tatsache nicht, dass in der Hauptstadt Jerusalem keine ausländischen Botschaften angesiedelt sind. Der palästinensische Filmemacher Alatar plädiert dennoch für eine Politik der gegenseitigen Anerkennung, die Eigentum an Boden und Immobilien, Wohn- und Arbeitsrechte wiederherstellt, zumal auf dem umkämpften Territorium Jerusalems. Mohammed Alatar hält diese Vision trotz allem nicht für utopisch, sondern auf Dauer für realistisch.
In der East-Side-Story wird nicht nur dokumentiert, analysiert und kommentiert, es wird auch erzählt, und dies mit lebensnahen Sequenzen und Bildern im Licht und in den sanften Farben der mediterranen Landschaft. Diese Bildsprache, die mit der Härte der Fakten und der Nüchternheit der Kommentatoren kontrastiert, wird den ZuschauerInnen manchmal nahe gehen.
 

Würdigung und Kritik
Der ganze Film wird von einer ruhigen, gelassenen weiblichen Stimme begleitet – erläuternd und kommentierend. Der Kontrast der kommentierten Szenen dazu wirkt umso nachhaltiger. Gleichwohl kommt diese freundliche Stimme zu einem nicht resignativen Fazit: „Wenn Israel weiterhin internationales Recht und die internationale Gemeinschaft missachtet, wird es weiterhin brodeln und bluten im Heiligen Land. Was bleibt, ist eine Spirale der Gewalt, eine traurige und angespannte Stadt, geeint im Namen, aber geteilt in den Hirnen und Herzen der Bevölkerung. Wenn die Steine Jerusalems heiliger werden als seine Menschen, verliert Jerusalem dann nicht seine Heiligkeit? Es mangelt nicht an Lösungswegen, Jerusalem miteinander zu teilen, in einer Weise, die seine Menschen rettet und seine Heiligkeit erhält. Aber es mangelt am Willen, die Besatzung zu beenden und die jeweiligen Bindungen an das Land zu respektieren.“
Eine Beendigung der Besetzung kann, meint Alatar, dem Land und der Stadt Frieden bringen. Ein Plädoyer für zwei unabhängige Staaten wird hier nicht explizit ausgesprochen. Gleichwohl ist dieser Film eine parteiliche Stellungnahme – mit eindringlichen Szenen, Bildern, Dokumentationen und Kommentaren. Die historische Entwicklung wird weitgehend zutreffend wiedergegeben, freilich fehlt in manchen Partien eine Auseinandersetzung mit der Situation der jüdischen Bevölkerung. Allein das Flüchtlingsproblem nach 1948 und nach 1967 hatte auch eine jüdische Seite: etwa 750.000 bis 800.000 jüdische Flüchtlinge und Einwanderer aus der arabischen und islamischen Welt, aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten – die meisten hatten ihr Eigentum aufgeben müssen – sind nach Israel gekommen. Und die anhaltende terroristische Bedrohung hat bei vielen Israelis zu einer nachhaltigen psychischen Belastung mit den entsprechenden Reflexen geführt.
Wir verfügen über eine Menge Filme, welche die Geschichte des Staates Israel und des Konflikts zwischen Israel und Palästina  dokumentieren, die Position Israels verteidigen und eine selbstkritische Auseinandersetzung mit seiner Politik betreiben. Auch diese Filme zeigen - obwohl Dokumentarfilme - die Bilder, Szenen und Lebensverhältnisse aus einem parteilichen, zumindest subjektiven Blickwinkel, je nachdem, ob sie von Israelis mit rechtfertigender oder selbstkritischer Absicht, oder von auswärtigen JournalistInnen mit objektiv-dokumentierender oder kritischer Perspektive gedreht sind. Das vermutlich russische Sprichwort: „Er lügt wie ein Augenzeuge“ zeigt treffend an, dass die Wahrheit nicht nur konkret ist, sondern auch einen subjektiven Charakter hat.
Für eine Selbstkritik ist es auf palästinensischer Seite in Anbetracht der jahrzehntelangen Leidensgeschichte womöglich noch zu früh. Aber den palästinensischen Blick auf die eigene Lage, seine Perspektive in einer nicht larmoyanten Auseinandersetzung mit ihr und der Politik Israels zur Kenntnis zu nehmen, ist eine Vorbedingung, um sich als engagierter Mitmensch und interessierte Zeitgenossin ein verantwortliches Urteil bilden zu können. Der alte juristische Grundsatz: audiatur et altera pars – höre auch die andere Seite an, und zwar im Original, ist eine Voraussetzung für faires Abwägen, das den Menschen und ihrer Lebenslage im Konflikt, auch der verhängnisvollen Dynamik ihrer Gegnerschaft, gerecht werden kann.
Der geschichtliche Hintergrund des Holocaust, die Gegenwart des Terrorismus und der Selbstmord-Attentate, die akute Feindschaft der arabischen Nachbarländer gegenüber Israel machen ein faires Hinsehen und Abwägen zu einer äußerst schwierigen Aufgabe. Sie dürfte aber überhaupt erst eine Chance haben, wahrgenommen zu werden, wenn es gelingt, die eine Seite ebenso wie die andere zu Wort, und das heißt: zu ihrem eigenen Wort kommen zu lassen. Das schließt den Respekt und das Mitleid gegenüber der Fassungslosigkeit ein, mit der gequälte Menschen auf die Gewalt und die Schikanen von Behörden, Polizei und Attentätern reagieren.
Hinter dem Geschehen dräut ein Hintergrund mit noch größerer Tiefenschärfe, der sich gelegentlich als ein Abgrund zu erkennen gibt: die religiöse Überzeugung und der religiöse Anspruch zweier Weltreligionen. Der Filmemacher Alatar geht mit dem religiösen Faktor vorsichtig um; er wird wissen warum. Der Staat Israel wie auch Palästina verstehen sich selbst zwar als säkulare staatliche Gebilde. Aber der Anspruch auf das Land oder einzelne Territorien ist sowohl bei starken jüdischen Gruppen in Israel (besonders unter den Siedlern und den Orthodoxen) als auch auf muslimischer Seite in der religiösen Tradition verwurzelt: das verheißene Land – Al Quds als Ort der Himmelfahrt des Propheten.
Absolute Ansprüche auf Wahrheit und Recht sind nicht politisierbar – und dennoch leiten sie die vitalen Hoffnungen und politischen Erwartungen vieler Menschen. Und sie spielen auch in der internationalen Politik eine Rolle, wie George W. Bush dies zumindest indirekt bekundet hat. Die Konstellation einander ausschließender, religiös fundierter Positionen ist politisch überaus schwer zu bewältigen. Sie steht dem Versuch, einen tragfähigen Kompromiss zu finden, der den Erwartungen beider Seiten nahe kommt, im Wege. Andererseits ist das Interesse daran, wahrhaftigen und in diesem Sinn legitimen Erwartungen gerecht zu werden, eine notwendige Voraussetzung dafür, einen faulen Kompromiss auszuschließen. Das schwierige Zusammenleben wird sich politisch erst organisieren lassen, wenn die Gegner in der Lage sind, aufeinander zuzugehen, einsichtig oder ermüdet. Dafür kann die internationale Politik mit Geduld und durch vertrauensbildende Schritte begehbare Wege ebnen.
 

Interview mit Sumaya Farhat-Naser
Sumaya Farhat-Naser besuchte als palästinensische Christin die Internatsschule Talitha Kumi deutscher Diakonissen in der Nähe von Bethlehm, studierte später in Hamburg und promovierte in Botanik. 1982-1997 war sie Dozentin für Botanik und Ökologie an der palästinensischen Universität Bir Zeit und von 1997 bis 2001 war sie Leiterin des palästinensischen Jerusalem Center for Women, das sich gemeinsam mit der israelischen Gruppierung „Bat Shalom“ für den Frieden einsetzt. Seither ist sie weiterhin in verschiedenen Projekten der  Friedensarbeit engagiert. Weil sie sehr gut deutsch spricht, ist sie zu einer wichtigen Stimme Palästinas in den deutschsprachigen Ländern geworden, hat mehrere Bücher geschrieben und ist mehrfach ausgezeichnet worden.
Sumaya Farhat-Naser wurde 1948 geboren. Im selben Jahr ist der Staat Israel gegründet worden, das Datum wird in Israel gefeiert, in der palästinensischen Bevölkerung aber betrauert, man nennt es Nakba, deutsch Katastrophe oder Unglück.

Sumaya Farhat-Naser, welche Spuren hat das Jahr 1948, ihr Geburtsjahr in Ihrer Biografie hinterlassen?
1948 begleitet das Leben von jedem einzelnen von uns. Es ist das Jahr, in dem unser Volk die Heimat verloren hat, das Jahr in dem unsere Leidensgeschichte so dramatisch begonnen hat und bis heute andauert. Mehr als die Hälfte des Volkes ist vertrieben worden und das hätte so nicht sein müssen. Es wäre durchaus möglich gewesen, zusammenzuleben. Aber die Tatsache, dass von Anfang an ein Volk ein anderes ersetzte, ist das Problem geblieben. Bis zu meinem sechsten, siebten, achten Lebensjahr habe ich Hunderttausende von Flüchtlingen in unserem Dorf und überall auf den Straßen gesehen. Ich habe gesehen, wie diese Menschen gelitten haben, wie sie darauf warteten, zurückzukehren. Ich erinnere mich an ihre enttäuschten Blicke, ihre Verbitterung, erlebte, wie sie von Zorn und Wut erfüllt wurden, weil es für sie keine Hoffnung gab. Ich fragte mich immer wieder, wie es geschehen konnte, ein Volk innerhalb von wenigen Monaten zu vertreiben. Ich konnte es nicht fassen, dass unsere Eltern, unsere Familien es zuließen. Heute bin ich sehr traurig, dass es weitergeht wie damals, dass es mit System geschieht, ganz offen und dass niemand das Wort dagegen erhebt.
Früher hatte man noch versucht, für diese oder jene Tat eine Rechtfertigung zu finden, man hat versucht Sympathien für diese oder jene Seite zu gewinnen. Heute, so habe ich das Gefühl, nützt nichts mehr. Niemand hört hin. Wer Macht hat, diktiert das Geschehen und in der Politik scheint es weder Recht noch Moral zu geben. Das ist es, was die Menschen bei uns so ohnmächtig macht, so perspektivlos.

Welches waren denn in Ihrem Leben seit 1948 die schlimmsten Zeiten?
Als Kind hatte ich immer Angst, dass sie uns nochmals überfallen, uns vertreiben und noch mehr Land nehmen würden. Je älter ich werde, umso mehr wird mir bewusst, was alles geschehen ist. Das Land etwa, wo heute der Flughafen von Tel Aviv liegt, dieses Land gehörte meinem Großvater und meinem Vater und wir werden nie etwas davon haben. Wirklich schlimm für mich war, als meine Mutter oder mein Vater im Sterben lagen, dass ihre und meine Geschwister sie nicht mehr sehen konnten, sie nicht zur Beerdigung kommen durften. Ich hatte lange das Gefühl, ich müsste sie alleine begraben, müsste alleine trauern. Es war auch ganz schlimm, als mein damals 14jähriger Sohn von einem israelischen Soldaten angeschossen wurde. Ich wusste lange nicht, ob er überleben wird, ob er wieder gesund werden wird, ob er bleibenden Schaden von der physischen und psychischen Folter davontragen würde. Er erholte sich nur allmählich, aber er hat noch lange nicht alles überstanden. Und dann denke ich an die vielen Hunderttausende junger Menschen, Kinder und Jugendliche, die noch Schlimmeres erlebt haben. Die Demütigungen hinterlassen Wunden und dennoch sagen wir mit Stolz: Wir haben es überstanden. Wir haben uns nicht daran gewöhnt, aber wir sind daran nicht zerbrochen. Viele haben es nicht geschafft, sind psychisch krank geworden, andere mussten das Land verlassen, leben verstreut in der ganzen Welt. Es schmerzt zu sehen, wie groß die Not ist und wie niemand für die Menschen sorgt. Wir haben nie eine normale Regierung, einen normalen Staat bekommen. Ein Staat, der sich um seine Bürger kümmert und eine sichere Zukunft plant. Das alles ist uns versagt geblieben. Wir leben unter einer ewigen Besatzung. Und Israel will nicht zugeben, dass es Besatzung ist. Es ist so schwer, mit anzusehen, dass unser Land immer kleiner wird, wie sie eine Mauer um unsere Dörfer und Städte ziehen, wie wir in kleine Enklaven eingemauert werden. Unser Volk wird zerstückelt.

Gab es auch Schönes, Erfreuliches in dieser Zeit?
Ich liebe das Land und ich will auf keinen Fall weggehen, denn mit jedem Frühling erneuert sich die Landschaft, sie zieht sich ein wunderbares Kleid über. Die Bäume und die Sträucher bringen von Neuem Freude und sagen uns, dass es besser werden wird. Wir versuchen, uns am Reichtum dieser Natur zu freuen und Kraft daraus zu ziehen. Schön ist auch immer wieder zu sehen, wie die Menschen zusammenhalten, gemeinsam Freud und Leid tragen, miteinander leben und arbeiten, auch wenn es immer wieder Probleme gibt.

Was übersehen wir Ihrer Meinung nach in Europa am meisten, wenn wir den Konflikt zwischen Israel und Palästina verstehen wollen?
Meistens wollen die Leute Richter sein und Stellung beziehen für diese oder jene Seite und man diskutiert dann über die große Politik, die ohnehin von den großen starken Mächten diktiert wird. Dabei vergisst man die Menschen, die unter dem Konflikt leiden, seien es die Israeli oder die Palästinenser. Wenn man mehr Gewicht auf die Bedürfnisse, die Ängste, die Hoffnungen der Menschen in Israel und Palästina legen würde, so könnte man erkennen, dass beide Seiten das gleiche wollen. Aber man schaut lieber dorthin, wo es Action gibt, wo Blut vergossen wird, wo schreckliche Aussagen von Fanatikern, sei es von palästinensischer oder israelischer Seite, gemacht werden. Wenn eine Gewalttat oder ein Terroranschlag geschieht, reduziert man den Konflikt auf diese eine Tat und vergisst den Zusammenhang, die Ursachen und Konsequenzen.

Wir nennen die Gegend, in der Sie leben das „Heilige Land“. Religion spielt da eine große Rolle. Ist die Religion das Problem oder die Lösung für den Konflikt?
Religion war nie das Problem und darf es auch nicht sein. Wenn man politische Aktionen mit religiösen Argumenten versucht zu rechtfertigen, kommen wir damit nicht weiter. Etwa wenn Israeli argumentieren, dass die Religion ihnen  das Recht gebe, in diesem Land zu leben und dass der Staat jüdisch sein müsse. Da kommt sofort die andere Seite und sagt, auch uns ist das Land von Gott gegeben worden, das Land muss muslimisch sein. Schließlich kommen auch die fanatischen Christen, die zunehmend ins Land eindringen und sagen, es ist Gottes Wille was hier geschieht, und wollen auch ihren Platz haben.
Wir dürfen nicht zulassen, dass die Religion immer mehr Gewicht bekommt. Wir müssen die Situation ganz nüchtern, realpolitisch betrachten. Es geht um die Existenz der beiden Völker, es geht ums Überleben und um Identität. Aber die Religion kann eine positive Rolle spielen, gerade in dieser Zeit. Sie kann zur Versöhnung, zum Frieden beitragen, denn im Grunde treten sowohl Judentum, Christentum, als auch Islam für Vergebung, Versöhnung, Frieden und für Gewaltlosigkeit ein.

Sie sind seit vielen Jahren in der Friedensarbeit in Palästina tätig. Was ist dabei das Schwierigste?
Ich bin sehr intensiv mit der Friedensarbeit beschäftigt. Das hält mich am Leben, gibt mir Freude und Kraft. In den letzten drei Monaten habe ich mehr als 90 Begegnungen organisiert. Die Arbeit ist anstrengend, aber die Erlebnisse mit diesen Menschen, die lernen wollen, bereichern mich immer. Das Schwierigste dabei ist, dass, wenn ich von Frieden und Gewaltlosigkeit erzähle und predige, mir die Leute sagen, dass sie im Alltag, in der Familie, auf der Straße und in der Politik ganz etwas anderes erleben. Gerade weil ihr es erlebt, sage ich dann, dürfen wir niemals umkippen und Gewalt gutheißen. Was schlecht ist, ist schlecht. Was wir für schrecklich empfinden, dürfen wir nicht annehmen. Es darf nicht normal werden, wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, sonst werden wir auch schlecht.
Es ist so schwer, von Demokratie, Menschenrechten und von Menschenwürde zu sprechen, wenn man daran nicht teilhaben kann. Manchmal sagen die Leute: Ach, was will ich jetzt über Friedenserziehung lernen. Ich will nichts mehr hören, ich habe es satt, alles ist aussichtslos! Dann muss ich sagen, gerade deshalb. Ihr dürft traurig sein, zornig werden, aber schützt euch davor, Hass zu entwickeln. Hass macht euch blind, zersetzt die Seele, macht euch selbst kaputt. Ihr könnt euch zwar in eurer Ohnmacht, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit suhlen, aber je länger ihr in dieser Phase verharrt, umso schlechter wird es euch gehen. Die Hoffnung muss lebendig bleiben, dann bin ich aktiv, dann mache ich etwas, dann mache ich kleine Schritte auf dem Weg der Besserung.

Sie haben den Film "Jerusalem - the East Side Story" gesehen. Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?
Im Film kommen einige Personen vor, die ich persönlich kenne. Ich weiß etwa, dass Frau Nahla Assali immer wieder zu ihrem Elternhaus in West-Jerusalem geht und traurig ist, dass dort jetzt fremde Leute wohnen und ihre Familie das Haus für immer verloren hat. Ich weiß auch, wie sehr das Herz meines ehemaligen Studenten Nazmi Ju’beh weint, wenn ihm als Zuständigen für den Erhalt alter Häuser und Kultstätten in Palästina in Ostjerusalem die Renovierung alter Palästinenser-Häuser verboten wird. Ich kenne persönlich etliche Familien, die seit vielen Generationen in Ostjerusalem gelebt haben und deren Häuser zerstört wurden, weil die Planung der israelischen Behörden dahin zielt, der Stadt ein jüdisches Gesicht zu geben. Auch wenn das bedeutet, dass die Palästinenser obdachlos gemacht werden und es für sie keine Möglichkeit gibt, in Jerusalem eine Wohnung zu finden. Ich kenne deren Verbitterung.
Der Film berichtet von diesen vergessenen Palästinensern in Ost-Jerusalem. Er lässt die Menschen ihre Geschichten ohne Ideologie erzählen und über das Unrecht der Geschichte klagen. Er ist ein Aufschrei, bringt die Sehnsucht nach Überleben als normale Menschen in Frieden und Sicherheit zum Ausdruck.
Der Film dokumentiert, dass die alltäglichen Schikanen nicht einfach aus Willkür geschehen, sondern dass die Entrechtung mit System, mit Gesetzen betrieben wird.
Das ist so seit 44 Jahren und liegt in der zionistischen Ideologie des Staates begründet, die will, dass Jerusalem möglichst frei von Palästinensern sein soll.
Die Palästinenser in Ostjerusalem gelten nicht als Bürger der Stadt, sondern nur als Bewohner und es gelten für sie nicht die Gesetze, die für Israeli gelten, sondern besondere Rechte, die ihre Diskriminierung und Vertreibung ermöglichen.

Sie sind von Ihrer Ausbildung her Naturwissenschaftlerin, haben auch Ökologie an der Universität Bir Zeit unterrichtet. Wie steht es denn um die Umwelt in Palästina?
Es gibt mir einen Stich ins Herz, wenn ich sehe, wie viele Straßen jedes Jahr neu gebaut worden sind. Es gibt zwei Straßennetze, eines für die Israeli, eines für die Palästinenser. Wegen der Mauer und der Sperren werden noch mehr Straßen gebaut, um diese Mauer zu umfahren. Ich sehe, wie leichtsinnig ein Olivenbaum, der Hunderte von Jahren alt ist, einfach mit dem Bulldozer entwurzelt wird.  Die Landschaft  verliert immer mehr Grün, wir haben ohnehin nicht viel Grün. Es gehen viele Arten von Pflanzen und Tieren verloren. Der intensive jüdische Siedlungsbau schadet. Man hat dabei kein Abwassersystem vorgesehen, das Abwasser fließt einfach in die Täler runter. Dadurch werden unsere Böden vergiftet und die Bauern können nicht mehr anpflanzen. Auch in den palästinensischen Ortschaften wird ohne Rücksicht auf Verträglichkeit gebaut. Die ganze Kulturlandschaft verschwindet. Das bereitet mir Sorgen. Wenn ich Bäume sehe, denke ich, wie wunderbar, dass es sie noch gibt. Ich habe das Gefühl, dass viele von ihnen in zehn, fünfzehn Jahren nicht mehr dastehen.  Es ist ein großer Verlust, wenn meine Enkelkinder diese Schönheit der Natur, diese Weite nicht mehr schnuppern und erleben können. Umwelt ist genauso wichtig wie Wirtschaft, denn die Umwelt ist unser Lebensraum. 

Das Gespräch führte der Schweizer Journalist Martin Heule, der bei der Herausgabe der beiden letzten Bücher von Sumaya Farhat-Naser mitarbeitete.


Didaktische Hinweise
Zielgruppen: Schulische Bildung; ab Sek II; Fächer: Politik, Ethik, Religion.
Erwachsenenbildung (in Verbindung mit einem Film aus israelischer Perspektive auch für die Ausbildung von Friedensfachkräften, bzw. für Seminare oder Workshops zur Konfliktmediation geeignet)

Altersempfehlung: ab 16 Jahren
Es ist berechtigt und keineswegs verwerflich, sich von der Fassungslosigkeit und dem stummen Widerstand jener Frau packen zu lassen, die sich offenbar gegen das Lachen eines Hauszerstörers, den man nicht zu Gesicht bekommt, wehrt. Die Wirkung einer solchen Szene geht tief. Nach einer Weile wird man aber doch gut daran tun, auch Fragen zuzulassen, die einen Blick auf die politischen, geschichtlichen, sozialen und personalen Hintergründe dieses Unglücks erlauben. Dazu gehört dann zumindest der Versuch, den ausgeblendeten Blick der anderen Seite einzubeziehen, die historischen Fakten zu eruieren und nach den Gründen der politischen Machtausübung und der Gewaltspirale zu fragen. Nicht zuletzt auch die Lösungsmöglichkeiten in Erwägung zu ziehen, welche der Film selbst anspricht.
Im Film wird mehrfach die demographische Entwicklung angesprochen. Israel war mit und seit seiner Gründung ein Einwanderungsland und versteht sich auch aktuell als Einwanderungsland.
Wie schätzen israelische Politiker, bzw. die israelische Gesellschaft die demographische Entwicklung der Palästinenser, wie die der Juden ein?

  • Wie sehen dies Vertreter der Palästinenser?
  • Diskutieren Sie in Kleingruppen oder im Plenum die Konsequenzen. Alternativ: Improvisiertes Streitgespräch zwischen Vertretern der jüdischen bzw. israelischen und der palästinensischen Position.

Es wird im Film nicht erwähnt und gezeigt, dass die israelische Regierung den Tempelberg in Jerusalem einer selbständigen muslimischen Verwaltung unterstellt hat (Waqf). Informieren Sie sich über die wichtigsten Rahmenbedingungen hierfür.

  • Diskutieren Sie, welche Auswirkungen diese Regelung auf die Zugangsmöglichkeiten für muslimische Betende hat bzw. wo hier Konfliktpotential liegt.(Brauchbare Informationen dazu bei Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Tempelberg)

Zahlreiche UN-Resolutionen, etwa zur israelischen Siedlungspolitik oder zur Annektierung und Konfiszierung von Land aus Sicherheitsgründen haben wenig bewirkt. Die Siedlungspolitik Israels wird im Ausland als Prüfstein für Israels Verhandlungsbereitschaft bzw. als Symbol für eine als aussichtslos erscheinende Konfliktlage gewertet.
Recherchieren Sie, welche Modelle für die gemeinsame Verwaltung von Jerusalem in verschiedenen internationalen Verhandlungen schon diskutiert wurden.

  • Skizzieren Sie die wichtigsten Rahmenbedingungen, die an eine gemeinsame Verwaltung zu stellen wären. (Auch hier bietet sich ein improvisiertes Streit- oder Podiumsgespräch an; s.o.)

Die Mauer um die Stadt wird von Israel als ein Sicherheitswall gegen terroristische Angriffe verstanden. Sie lässt eine Kontrolle des Zugangs zu. Die Berliner Mauer hatte demgegenüber einen anderen Zweck: sie war eine mit Schießbefehl abge-sicherte Maßnahme zur Verhinderung der Flucht in den Westen. In beiden Fällen ist die Mauer aber ein politisches Mittel zur Trennung von Bevölkerungsgruppen im gleichen Staat.

  • Beschreiben Sie die Funktion von „Mauern“. Lassen sich die Funktionen dieser Mauern überhaupt vergleichen? Wo endet die Vergleichbarkeit?

Alon Liel, ehemaliger Staatssekretär im israelischen Außenministerium und erster Botschafter Israels im demokratischen Südafrika, schrieb in einem Gastkommentar für die Frankfurter Rundschau (24./25. März 2012):
„Der Staat Israel besitzt, wie wir alle wissen, weitreichende Meinungs- und Pressefreiheit. Alle seine Bürger haben das Recht zu wählen – ganz im Unterschied zu denen im Apartheid-Staat Südafrika früher. Dennoch verfolgt uns der Vergleich. Warum? Vor allem aus zwei Gründen. In vielen Teilen der Welt herrscht das Gefühl vor, dass Israel den Palästinensern nicht nur ihre nationalen Grundrechte vorenthält, sondern ihnen ihre Ehre, ihre Würde und selbst ihr Narrativ raubt. So als ob die Palästinenser für die Israelis im Wortsinne nicht zählten.“

  • Diskutieren Sie diese Position.

Der palästinensische Philosoph Sari Nusseibeh hält die Zwei-Staaten-Lösung für überholt. In einen Interview (Spiegel v. 18.2.2012) plädiert er für einen israelisch-palästinensischen Bundesstaat:
„Israel hat lange gebraucht, um anzuerkennen, dass es ein palästinensisches Volk gibt. Wir Palästinenser haben lange gebraucht, um Israel als Staat zu akzeptieren. Aber die Geschichte ist schneller, als es die Ideen sind. Als die Welt aufwachte und erkannte, dass zwei Staaten die beste Lösung sind, lebten schon Hunderttausende Israelis jenseits der Grünen Linie. Inzwischen wächst der Fanatismus auf beiden Seiten. Das Streben nach einer Zwei-Staaten-Lösung ist eine Phantasie.“
Befragt nach Alternativen hierzu fährt er fort: „Wichtig ist, dass beide Seiten sich darauf einigen können und die Grundprinzipien von Gleichheit und Freiheit erfüllt sind. Ich halte vieles für denkbar: einen, zwei oder drei Staaten, einen föderalen Zusammenschluss oder einen Staatenbund.“

  • Diskutieren Sie diese Perspektive.
  • Kritik an der israelischen Politik aus dem Ausland führte in der Vergangenheit wiederholt und regelmäßig zu grundsätzlichen Fragen, ob diese erlaubt sei. Kritik aus Deutschland steht unter besonderer Aufmerksamkeit. Warum ist das so?
  • Welche gemeinsamen israelisch-palästinensischen Projekte oder Nichtregierungsorganisationen kennen Sie?
  • Auf welchen Gebieten arbeiten sie? (Sport, Kultur, medizinische Versorgung, Menschenrechte)
  • Tun sie dies auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene? (Beispiele werden im Film „Route 181“ genannt (s. Medienhinweise u.); auch das vom Dirigenten Daniel Barenboim begründete West-Eastern-Divan-Orchestra wäre hier zu nennen oder die in Israel engagierte NGO Breaking the silence.)


Medienhinweise
Hass und Hoffnung – Kinder im Nahostkonflikt
Ein Film von Justine Shapiro und B.Z.Goldberg, USA,Israel 2001
90 Min., Dokumentarfilm, Bezug DVD und VHS: EZEF und EMZ

To see if I’m smiling – Um zu sehen, ob ich lächle
Ein Film von Tamar Yarom, Israel 2007
60 Min., Dokumentarfilm, OmU, Bezug DVD: EZEF und EMZ

Route 181 – Fragmente einer Reise in Palästina-Israel
Ein Film von Michel Khleifi und Eyal Siran, Palästina, Israel 2003
270 Min. (4 DVDs)
DVD Bezug: mec film
Der Titel ist eine Anspielung an die UN-Resolution N. 181 von 1947, nach der Palästina in zwei Staaten geteilt werden sollte

Curfew – Die Ausgangssperre
Ein Film von Rashid Masharawi, Israel, Frankreich, Niederlande, Deutschland 1993
75. Min.,Spielfilm, Bezug DVD: EZEF und EMZ

Waltz with Bashir
Ein Film von Ari Forman, Israel, Deutschland, Frankreich 2008
86 Min., Animation, 86 Min., Bezug DVD: EMZ
http://waltz-with-bashir.pandorafilm.de/
 

Literaturhinweise und Links

  • Die Wikipedia-Artikel zu den Stichworten: Jerusalem; Nahostkonflikt; Chronologie des israelisch-palästinensischen Konflikts geben brauchbare Überblicke über die historische Entwicklung des Konflikts. Kurz und gut lesbar besonders: Jerusalem.
  • Amira Hass: Bericht aus Ramallah. Eine israelische Journalistin im Palästinensergebiet. Diederichs Verlag 2004.
  • Sumaya Farhat-Naser; Disteln im Weinberg – Tagebuch aus Palästina; Mit einem Essay von Ernest Goldberger, Lenos Verlag, Basel 2007
  • Sumaya Farhat-Naser; Thymian und Steine; Lenos Verlag, Basel 1995, 7. aktualisierte Auflage 2009
  • Felicia Langer: Brandherd Nahost. Oder: Die geduldete Heuchelei. Lamuv Verlag. Göttingen 2004.
  • Nahostlexikon: Der israelisch-palästinensische Konflikt von A-Z. Hg.: Gernot Rotter und Shirin Fahti. Palmyra Verlag o.J.
  • Diana Sprick: In den Schlagzeilen: Israel und Palästina. Arbeitsmaterialien für die Sekundarstufen. Verlag an der Ruhr. Mühlheim/Ruhr 2005.
  • Die Palästinenser und Israel. epd Dokumentation Nr. 48. Frankfurt/M. 2001 (mit zahlreichen Internet-Adressen von Organisationen in Israel und Palästina)
  • Israel. Informationen zur politischen Bildung. Heft 278 (neu Mai 2008) Herausgeber: Bundeszentrale für politische Bildung
  • Dossier Israel, Bundeszentrale für politische Bildung: www.bpb.de/internationales/asien/israel/
  • Aus Politik und Zeitgeschichte, Nahost-Konflikt, Heft 9/2010, darin besonders der Artikel: Wider die "Kultur des Konflikts": Palästinenser und Israelis im Dialog, Alexandra Senfft, S. 3-9, Herausgeber: Bundeszentrale für politische Bildung, Pdf-Download unter: http://www.bpb.de/apuz/32922/nahost-konflikt
  • SympathieMagazin "Palästina verstehen", Nr. 08/2008, Herausgeber: Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V., Bezug: www.sympathiemagazin.de
  • SympathieMagazin "Israel verstehen", Nr. 03/2008, Herausgeber: Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V., Bezug: www.sympathiemagazin.de
  • „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“, Begleitbroschüre zur gleichnamigen Ausstellung, 32 Seiten; Hrsg, weitere Infos und Bezug: www.lib-hilfe.de
  • Michael von Lay, Pastorales Dokument mit politischer Brisanz; Artikel zu „Kairos Palestine: A Moment of Truth“, http://www.ageh.de/fileadmin/pdf/contacts/con_2_11/vanLay.pdf
  • Breaking the silence, israelische NGO, http://www.breakingthesilence.org.il/, Die israelische Organisation „Breaking the Silence“ („Das Schweigen brechen“) wurde von ehemaligen Soldatinnen und Soldaten gegründet, die in den besetzten Gebieten ihren Dienst ableisteten.
  • http://www.genfer-initiative.de/: Dokumente, Berichte, Nachrichten, Bücher und Termine aus und zu Nahost (Homepage zur israelisch-palästinensischen "Genfer Initiative", die sich für Friedensvertrag der Zukunft einsetzt und besonders Information zur deutschen bzw. europäischen Nahostpolitik bereitstellt und kommentiert).

 

Autor: Hans Norbert Janowski
Interview mit Sumaya Farhat-Naser: Martin Heule
Redaktion: Bernd Wolpert
April 2012